Unter dem n-dimensionalen euklidischen Raum versteht man den arithmetischen Vektorraum über dem Körper der reellen Zahlen, versehen mit der Standardbasis für und dem Standardskalarprodukt
(1)
sowie der daraus abgeleiteten Norm und der zugehörigen Metrik .
Eine Abbildung heißt abstandserhaltend oder eine Bewegung, wenn für alle aus gilt
(2)
Aufgrund der Definitheit der Norm ist jede Bewegung ersichtlich injektiv und einfachste Beispiele für Bewegungen sind, neben der identischen Abbildung, die Translationen von . Weiterhin ist offensichtlich die Nacheinanderanwendung von Bewegungen wieder eine Bewegung und die Menge aller Bewegungen daher ein Untermonoid des Transformationsmonoids .
Eine Abbildung heißt Skalarprodukt-erhaltend oder orthogonal, wenn für alle aus gilt
(3)
Hilfssatz 1: Jede Abbildung mit (3) ist linear, also eine orthogonale Abbildung im Sinne der Linearen Algebra. Weiterhin ist jede orthogonale Abbildung eine Bewegung und als injektive lineare Abbildung des in sich bereits ein Automorphismus.
Beweis: Aus (2) folgt für aus der Definition der Norm sofort für alle aus , also die Normtreue von . Daher bilden die Bilder der Standard-Orthonormalbasis ebenfalls wieder eine Orthonormalbasis von . Ist nun ein beliebiger Vektor des , so folgt aus auch bezüglich dieser zweiten Orthonormalbasis. Hieraus lassen sich die beiden Linearitätseigenschaften von sofort leicht nachrechnen. Jede normtreue lineare Abbildung ist aber wegen
Satz: a) Ist eine Bewegung mit , so ist eine orthogonale Abbildung.
b) Ist eine Bewegung mit einem Fixpunkt , d. h. gilt , so existiert eine orthogonale Abbildung mit .
c) Ist eine beliebige Bewegung, dann gibt es eine orthogonale Abbildung und eine Translation mit . Also ist ein affiner Automorphismus und daher sind die zugehörige orthogonale Abbildung und die Translation sogar eindeutig bestimmt.
d) Jede Bewegung ist bijektiv und ihre Umkehrabbildung ist wieder eine Bewegung. Daher bildet die Menge aller Bewegungen eine Untergruppe der affinen Automorphismengruppe
.Beweis: a) Aus (2) und folgt sofort die Normtreue von . Damit folgt aber
für alle aus En und daher die Orthogonalität.
b) Nach den obigen Bemerkungen ist jedenfalls eine Bewegung, die erfüllt. Also ist nach a) diese Bewegung orthogonal.
c) Setzt man , so ist jedenfalls eine Bewegung mit . Daher existiert nach b) eine orthogonale Abbildung mit . Also gilt bereits
d) Wegen der in c) bewiesenen Eigenschaft jeder Bewegung sind alle Bewegungen bijektiv. Da die Umkehrabbildung einer orthogonalen Abbildung selbst wieder orthogonal ist, ist auch die Umkehrabbildung jeder Bewegung wieder eine Bewegung, nämlich Damit ist aber alles gezeigt.
Mit Hilfe des obigen Satzes und der aus der Linearen Algebra bekannten Charakterisierungen der (linearen) orthogonalen Abbildungen erhält man die folgenden Beschreibungen sämtlicher Bewegungen des bzw. :
Es sei eine Bewegung von bzw. wie in c). Weiterhin sei , also die Menge aller Fixpunkte des linearen Anteils von . Schließlich sei eine Zerlegung von in einen Anteil aus und einen Anteil , der orthogonal zu ist. Dann gibt es ein aus mit . Für jedes derartige gilt
Beim Beweis zeigt man zuerst, daß die lineare Abbildung den zu orthogonalen Unterraum von in sich abbildet. Da der Kern dieser linearen Abbildung ist, ist ihre Einschränkung auf den zu orthogonalen Unterraum injektiv und daher sogar bijektiv. Daher hat das lineare Gleichungssystem Lösungen . Für diese gilt aber
Für gibt es folgende Möglichkeiten:
1) : Dann ist eine Translation.
2) : Dann ist eine Drehung mit dem Drehzentrum .
3) : Dann ist eine Gleitspiegelung an der Achse
Für gibt es folgende Möglichkeiten:
1) : Dann ist eine Translation.
2) : Dann ist eine Schraubung mit der Achse .
3) keine Spiegelung: Dann ist eine Drehspiegelung mit dem einzigen Fixpunkt .
4) ist eine Spiegelung: Dann ist eine Gleitspiegelung an der Ebene
Jede Unterguppe von nennt man eine Bewegungsgruppe des . Sie heißt diskret, wenn für jeden Punkt des und für jede reelle Zahl und für jeden Punkt des die -Umgebung nur endlich viele Punkte des Orbits von enthält.
Beispiele diskreter Bewegungsgruppen
Die diskreten Bewegungsgruppen des eindimensionalen euklidischen Raumes.
Die diskreten Bewegungsgruppen der euklidischen Ebene.
Die diskreten Bewegungsgruppen des dreidimensionalen euklidischen Raumes.
Weiterführende Literatur
L. Fejes Toth, Reguläre Figuren, Teubner Verlag, Leipzig, 1965.
J. Flachsmeyer, U. Feiste, K. Manteuffel, Mathematik und ornamentale Kunstformen, Verlag Harri Deutsch, Frankfurt/Main, 1990. ISBN 3-8171-1157-6
H. Kinder, U. Spengler, Die Bewegungsgruppe einer euklidischen Ebene, Teubner Verlag, Stuttgart, 1980. ISBN 3-519-02710-0
M. Klemm, Symmetrien von Ornamenten und Kristallen, Springer Verlag, Berlin, 19802. ISBN 3-540-11644-3.
E. Quaisser, Diskrete Geometrie, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 1994. ISBN 3-86025-309-3.
A. Speiser, Theorie der Gruppen von endlicher Ordnung, Springer Verlag, Berlin 1937.
H. Weyl, Symmetrie, Birkhäuser Verlag, Basel 1955.