Anagramm



Unter einem Anagramm (griechisch: anagraphein = umschreiben) versteht man einen Text, der aus einem anderen Text durch eine Umstellung (Permutation) der Buchstaben hervorgeht. Da die Umstellung nicht eindeutig beschrieben ist, handelt es sich bei jedem Anagramm nicht um ein Verschlüsselungsverfahren sondern eher um ein Rätsel. Manche Pseudonyme von Künstlern sind als Anagramme ihres richtigen Namens entstanden, beispielswiese Paul Celan aus Paul Ancel oder Carl Amery aus Carl Mayer,

Anagramme waren unter den Wissenschaftlern der frühen Neuzeit beliebt, um Prioritätsansprüche wissenschaftlicher Entdeckungen anzumelden, ohne die eigentliche Entdeckung bereits öffentlich bekannt zu machen. Später konnte man dann durch Auflösung des Anagramms beweisen, daß man bereits zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung im Besitz der jeweiligen Erkenntnis gewesen war.[1]

So schrieb beispielsweise Galileo Galilei (1564 - 1642) im Jahr 1610 in einem Brief an Johannes Kepler (1571 - 1630):

"HAEC IMMATURA A ME IAM FRUSTRA LEGUNTUR OY",


("Dieses noch Unreife wird von mir bisher vergeblich vorgetragen")
was ein Anagramm des lateinischen Satzes

"Cynthiae figuras aemulatur Mater Amorum"


ist. Dieser lautet in deutscher Übersetzung etwa
"Die Mutter der Liebe (= der Planet Venus) ahmt die Gestalten der Mondgöttin (d. h. die Mondphasen) nach."

was er dann am 1. Januar 1611 ebenfalls an Kepler schrieb. Er hatte also durch das von ihm erstmals benutzte Teleskop die Phasen der Venus entdeckt, und damit die Korrektheit des Kopernikanischen Weltbildes erstmals empirisch nachgewiesen, eine Entdeckung von ziemlicher Brisanz, was ihn vielleicht ebenfalls zur Verschleierung dieser Entdeckung veranlasste.



Aufnahmen der Venusphasen mit einem modernen Teleskop

Ein anderes, nicht ganz so poetisches Anagramm, ebenfalls von Galilei an Kepler (ein "u" kann nach damaliger Schreibweise auch ein "v" bedeuten):

s.m.a.i.s.m.i.l.m.e.p.o.e.t.a.l. e.u.m.i.b.u.n.e.n.u.g.t.t.a.u.i.r.a.s.

Kepler vermutete (nicht korrekt):

"Salue umbisineum gemnatum Martia proles."
(Den beiden Freunden, Kinder des Mars, zum Gruß.)

Galilei gab später dann die richtige Lösung bekannt:

"Altissimum planetam tergeminum observavi."
(Ich habe den höchsten Planeten (also den Saturn) in dreifacher Gestalt beobachtet.)

Hierfür hatte er (und die nachfolgenden Astronomen zunächst) noch keine Erklärung.



Galileis Zeichnungen von Beobachtungen des Saturn, Jupiter, Merkur und der Venus

Christiaan Huygens (1629 - 1695) veröffentlichte 1656, also erst nach Galileis Tod, dann schlicht

"AAAAAAA CCCCC D EEEEE G H IIIIIII LLLL MM NNNNNNNNN OOOO PP Q RR S TTTTT UUUUU",


was ein Anagramm von

"Annulo cingitur, tenui plano, nusquam cohaerente, ad eclipticam inclinato"


ist, wie er drei Jahre später in seinem Buch "Systema Saturnium" bekanntgab. In deutscher Übersetzung bedeutet dies etwa:

"Er ist von einem Ring umgeben, welcher dünn und flach ist, nirgends mit ihm zusammenhängt und gegen die Ekliptik geneigt ist."

Huygens hatte also die wahre Natur des Ringsystems des Planeten Saturn entdeckt, während Galilei noch keine Erklärung für die "Henkel des Saturn" hatte, die alle 14 Jahre verschwanden und dann wieder auftauchten.



Zeichnungen des Saturn von verschiedenen damaligen Astronomen



Abbildung aus dem Buch von Huygens

Auf die gleiche Weise wie Huygens gab Robert Hooke (1635 - 1703) im Jahr 1678 das später nach ihm benannte Kraftgesetz bekannt:

"CEIIINOSSSTTUV",

was ein Anagramm von

"Ut tensio sic vis"

ist, auf deutsch etwa:

"Wie die Ausdehnung, so die Kraft", also die Ausdehnung ist der Kraft proportional.


Als letztes Beispiel sei ein berühmtes Anagramm von Isaac Newton (1643 - 1727) genannt[2], das er 1677 in einem Brief an Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 -1716) erwähnte. (Diesen Brief ließ er übrigens durch Henry Oldenburg überbringen, hatte dafür also einen Zeugen!)

"The foundations of these operations is evident enough, in fact; but because I cannot proceed with the explanation of it now, I have preferred to conceal it thus:

6accdä13eff7i3l9n4o4qrr4s8t12ux

On this foundation I have tried to simplify the theories which concern the squaring of curves and I have arrived at certain general Theorems."

Dieses Anagramm ist eine Kurzform von

aaaaaa ä cc d eeeeeeeeeeeee ff iiiiiii lll nnnnnnnnn oooo qqq rr ssss tttttttt vvvvvvvvvvvv x

und wurde (trotz des späteren erbitterten Prioritätsstreites mit Leibniz über die Entdeckung der Infinitesimalrechnung) von Newton niemals aufgelöst. Nach heutiger Überzeugung verschlüsselt es den Satz

Data äquatione quotcunque fluentes quantitates involvente, fluxiones invenire; et vice versa.
(Given an equation involving any number of fluent quantities, to find the fluxions; and vice versa.)

Allerdings wird bei dieser Deutung der Buchstabe "t" 9mal gebraucht und nicht 8mal, was ein Fehler von Newton sein kann, oder aber ein Fehler bei der Entschlüsselung. Wie gesagt, Newton hat dieses Anagramm nie benutzt um seinen Prioritätsanspruch geltend zu machen.


Techniken zur Lösung von Anagrammen benötigt man bei der Analyse von Kryptogrammen, die beispielsweise mittels Spaltentausch verschlüsselt wurden. Einige Anagramme zur Übung findet man hier und hier.


[1] Anagramm in der Wikipedia

[2] http://www.mathpages.com/home/kmath414.htm


Autor: Udo Hebisch
Datum: 08.04.2010