Verschlüsselung nach Francis Bacon



Im Jahr 1605 entwickelte der englische Philosoph und Staatsmann Francis Bacon (1561 - 1626) den Code omnia per omnia, den ersten Binärcode der Geschichte. Er beschrieb ihn in seinem Buch De Augmentis Scientiarum im Zusammenhang mit der folgenden steganographischen Methode.

Bacon benutzte zwei aus typografisch unterschiedlich gestalteten, aber auf den ersten Blick sehr ähnlichen Buchstaben bestehende lateinische Alphabete. In der folgenden Originalabbildung aus dem Buch De Augmentis Scientarum stehen die Buchstaben dieser beiden Alphabete abwechselnd jeweils in den unteren der geklammerten Zeilen. Darüber ist durch den Kleinbuchstaben "a" bzw. "b" jeweils angegeben, zu welchem der beiden Alphabete der jeweilige (Groß- oder Klein-)Buchstabe gehört.

Diese beiden Alphabete wurden dann in geeigneter Weise gemischt benutzt, um einen oberflächlich unverfänglichen Text zu drucken. Wollte man an die darin verborgene Information gelangen, mußte jeder Buchstabe des auf die erste Art gestalteten Alphabetes durch den Buchstaben "a" ersetzt werden, jeder Buchstabe aus dem zweiten Alphabet durch "b". Dies war natürlich nur korrekt möglich, wenn man die Unterschiede in der Typographie auch erkannte. Anschließend war zunächst der nur noch aus den Buchstaben "a" und "b" bestehende Text in Blöcke der Länge 5 aufzuspalten. Jedem der so entstehenden Blöcke war nun nach der folgenden Tabelle ein einzelner der 24 lateinischen (Groß-)Buchstaben zugeordnet. Hier fand also eine binäre Codierung und Decodierung des Textes statt. Die zuletzt erhaltenen Buchstaben lieferten schließlich den verborgenen Klartext.

Bacon war sich der Bedeutung dieses Codes bewußt, denn er schrieb an anderer Stelle:

"by this Art ... a man may expresse the intentions of his minde at any distance ... by objects ... capable of a twofold difference onely; as by Bells by Trumpets by Lights and Torches ... and any instruments of like nature."

Ein Beispiel für einen mit derartig verschiedenen Buchstaben geschriebenen unverfänglichen Text gibt die folgende Abbildung. Offensichtlich ist die Benutzung von typographisch unterschiedlichen "d" in "Wisdom" und "understanding" und von unterschiedlichen "e" z. B. in "desired".

Hier noch ein moderner Kommentar zu den Alphabeten, die von Bacon benutzt wurden:[1]

This plate is reproduced from Bacon's De Augmentis Scientiarum, and shows the two alphabets as designed by him for the purpose of his cipher. Each capital and small letter has two distinct forms which are designated "a" and "b". The biliteral system did not in every instance make use of two alphabets in which the differences were as perceptible as in the example here given, but two alphabets were always used; sometimes the variations are so minute that it requires a powerful magnifying glass to distinguish the difference between the "a" and the "b" types of letters.


In dem folgenden, ebenfalls von Bacon stammenden Textbeispiel sind die Buchstaben des ersten Alphabets der Einfachheit halber klein geschrieben, die des zweiten Alphabets groß. Der Text lautet

"maNeRE te VOLo DOnec Venero"

und bedeutet "Ich bitte dich zu warten, bis ich komme!". Berücksichtigt man nur die Typographie, so wird daraus "aabab baabb babba aabaa aaa", und die Entschlüsselung liefert die dramatische Aufforderung

"FVGE!"

wobei die letzten "aaa" als bedeutungslose Füllbuchstaben, sogenannte Blender, eingefügt wurden, um einen längeren unverfänglicheren Text zu liefern. Dies ("FUGE!" wegen "V"="U" in lateinischen Texten) ist nichts weiter als die Aufforderung "Flieh!", also genau das Gegenteil des offensichtlichen Textes.


Wegen der großen historischen Bedeutung ist hier noch einmal die Tabelle des Binärcodes in moderner Notation angegeben.

ZeichenBinärcode
"A" "aaaaa"
"B" "aaaab"
"C" "aaaba"
"D" "aaabb"
"E" "aabaa"
"F" "aabab"
"G" "aabba"
"H" "aabbb"
"I" "abaaa"
"K" "abaab"
"L" "ababa"
"M" "ababb"
"N" "abbaa"
"O" "abbab"
"P" "abbba"
"Q" "abbbb"
"R" "baaaa"
"S" "baaab"
"T" "baaba"
"V" "baabb"
"W" "babaa"
"X" "babab"
"Y" "babba"
"Z" "babbb"


[1] http://www.prs.org/gallery-bacon.htm
Autor: Udo Hebisch
Datum: 14.04.2010