Die Telegraphen-Chiffre (Telegraph-Cipher) von Charles L. Dodgson



Dieses von Dodgson 1868 angegebene polyalphabetische Verschlüsselungsverfahren arbeitet mit zwei gegeneinander verschiebbaren Streifen. Auf beiden Streifen ist das Alphabet aufgeschrieben, auf dem zweiten Streifen folgt dem "Z" noch ein zusätzliches "A".

ABCDE FGHIJ KLMNO PQRST UVWXYZ

ABCDE FGHIJ KLMNO PQRST UVWXYZA

Der erste Streifen dient zur Beschreibung der Buchstaben des Schlüsselwortes (und des Geheimtextes), das zweite Alphabet zeigt die Klartexbuchstaben an. Zur Verschlüsselung schiebt man den Klartextbuchstaben unter den zugehörigen Buchstaben des Schlüsselwortes. Dann liest man den Buchstaben des Geheimtextes über dem "A" ab. Nur eines der beiden "A" steht unter einem Buchstaben!

Dieses Verfahren realisiert genau die Beaufort-Verschlüsselung, die Beaufort bereits 1857 veröffentlicht hatte. Es ist daher möglich, daß Dodgson davon wußte. Neu ist allerdings die Realisierung mit Hilfe der beiden Streifen. In kryptographischen Kreisen wurde dies allerdings nicht bekannt, so daß Auguste Kerckhoffs (1835 - 1903) in seinem 1883 erschienenen Buch La Cryptographie Militaire dieses mechanische Hilfsmittel zu Verschlüsselung einen St. Cyr-Schieber nannte, nach der französischen Militärakademie, wo seine Verwendung gelehrt wurde. Erst 1901 zeigte Félix Marie Delastelle (1840 - 1902) in seinem Buch Traité Élémentaire de Cryptographie, daß mit Hilfe dieses Systems durch geeignete Vertauschungen der Rollen von Klartext-, Geheimtext- und Schlüsselbuchstaben zahlreiche bekannte Verschlüsselungsverfahren realisierbar sind. Das Potential der von Dodgson angegebenen Telegraphen-Chiffre blieb also lange Zeit unentdeckt.


Autor: Udo Hebisch
Datum: 26.05.2011