Kryptogramm in einer Flaschenpost



Dieser auf einen 4. Juli datierte Zettel wurde in einer Flasche in der Nähe der Stadt Vicksburg in den USA gefunden und stammt vermutlich aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Die Flasche und der Zettel befinden sich im Museum of the Confederacy in Richmond.Da in der Armee der Südstaaten zur damaligen Zeit die Vigenère-Verschlüsselung verwendet wurde, handelt es sich in diesem Kryptogramm vermutlich ebenfalls um eine solche. Es ist bekannt, daß damals lediglich vier verschiedene Schlüsselwörter zum Einsatz kamen:

MANCHESTERBLUFF
COMPLETEVICTORY
COMERETRIBUTION
BALTIMORE

Die ersten beiden Wörter des Kryptogramms lauten wohl "SEAN WIEUIIUZN" und man wird sie zunächst mit jedem dieser Schlüsselwörter entschlüsseln. So erhält man der Reihe nach

GENL PEMBERTOT
QQOY LELQNASGZ
QQOJ FELDAHAGF
REPU OWQDEHUOU

Es wurde also das Schlüsselwort "MANCHESTERBLUFF" benutzt, wodurch die Entschlüsselung eine Routine wäre, zumal die Wortzwischenräme erhalten blieben. Allerdings sind die Geheimtextbuchstaben nicht immer eindeutig zu identifizieren, wie schon der letzte Buchstabe des zweiten Wortes zeigt. So kann man in den einschlägigen Geschichtsbüchern nachlesen, daß Generalleutnant John Clifford Pemberton (1814 - 1881) mit einer Armee der Südstaaten im Sommer 1863 die Stadt Vicksburg verteidigte, schnließlich aber vor der Unionsarmee kapitulieren mußte. Daher ist der letzte Klartextbuchstabe dieses Wortes ein "N", was bei dem verwendeten Schlüsselwort im Geheimtext an dieser Stelle ein "H" erfordert. Dies kann man nun mit etwas gutem Willen auch identifizieren.

Auffällig ist auch die Parallelstelle "SEA" am Anfang und in der letzten Zeile. Entschlüsselt man die letzte Zeile "SEA LVLFLXFO" ebenfalls mit dem Schlüssel "MANCHESTERBLUFF", so erhält man "GEN JOHNSTON" und findet in den Geschichtsbüchern die Information, daß General Joseph Eggleston Johnston (1807 - 1891) einer der ranghöchsten Generäle der Südstaatenarmee war und zur Zeit der Schlacht um Vicksburg auch Oberbefehlshaber der von General Pemberton geführten Mississippi-Armee war.

Bevor aber der Rest des Kryptogramms entschlüsselt wird, soll eine Merkwürdigkeit näher betrachtet werden. Gegen Ende der ersten Zeile tritt zweimal direkt hintereinander das Wort "FEQT" auf, was für eine Vigenère-Verschlüsselung mit einem Schlüsselwort der Länge 15 extrem unwahrscheinlich ist. Probiert man nun für die Sequenz "FEQTFEQT" sämtliche 15 Verschiebungen des Schlüsselwortes MANCHESTERBLUFF durch, so erhält man

TEDRYAYA
FROMBMXP
SCJPNLMC
DXMBMAZS
YAYABNPI
BMXPODFZ
NLMCETWO
MAZSUKLO
BNPILZLH
ODFZAZET
ETWOASQG
UKLOTEDR
LZLHFROM
AZETSCJP
ASQGDXMR

Also lautet die Entschlüsselung von "FEQT" schlicht "FROM" und hierfür wurde der Teil "ANCH" des Schlüsselwortes gebraucht. Beim Schreiben wurde dieses Wort wohl versehentlich verdoppelt und kann aus dem Kryptogramm gestrichen werden. Insbesondere ist das folgende Wort "XZBW" durch die nächsten vier Buchstaben "ESTE" des Schlüsselwortes zu entschlüsseln und ergibt den Klartext "THIS".

Für die erste Zeile des Kryptogramms ergibt sich nun die folgende Situation, wobei die noch nicht identifizierten Buchstaben des Geheimtextes zunächst durch den Platzhalter "X" angedeutet werden und die noch fehlenden Klartextbuchstaben durch "?".

SEANWIEUIIUZHXXXXXXXXXXXXXXXXXXFEQTXZBWXXXX
MANCHESTERBLUFFMANCHESTERBLUFFMANCHESTERBLU
GENLPEMBERTON??????????????????FROMTHIS????

Insbesondere fehlen in der Lücke genau 18 Buchstaben. Zählt man diese von "FEQT" zurück, so bemerkt man, daß die unleserlichen drei Zeichen hinter "WIEUIIUZH" tatsächlich gestrichen sind und daher bei der Entschlüsselung ignoriert werden müssen.

Nun kann man versuchen, diese fehlende Sequenz aus 18 Buchstaben zu entschlüsseln, wobei genau die Sequenz "FFMANCHESTERBLUFFM" als Schlüssel zu verwenden ist. Beginnen wird man vielleicht mit dem sechsbuchstabigen Wort "LBNX?K", was bis auf den vorletzten Buchstaben noch relativ leicht zu entziffern ist. Liest man hierfür ein "O", so erhält man mit dem betreffenden Teil "HESTER" des Schlüssels "EXVEKT", was man noch am ehesten als "EXPECT" deuten kann. Dann müßte der Geheimtext an dieser Stelle "LBHXGK" lauten, was für den vorletzten Buchstaben "G" (statt "O") plausibel ist und für den dritten Buchstaben "H" durch einen Vergleich mit dem fetten letzten Buchstaben ("H") des zweiten Wortes jetzt ebenfalls vernünftig erscheint.

Das dreibuchstabige Wort unmittelbar davor könnte man nun als "CHP" oder doch als "CNP" lesen. Es wäre mit "ANC" zu entschlüsseln und daher "CUN" oder "CAN", wobei nur die zweite Möglichkeit sinnvoll ist. Der Anfang des Klartextes wäre dann "GENL PEMBERTON ___ CAN EXPECT", was für das dreibuchstabige fehlende Wort "YOU" nahe legt. Verschlüsselt man dies mit "FFM", so erhält man "DTG", was man durch Vergleich der Buchstaben "G" in diesem und dem fünften Wort nachvollziehen kann.

Für das letzte, vierbuchstabige Wort in dieser Lücke steht als Schlüssel "UFFM" zur Verfügung und die mittleren Geheimtextbuchstaben "JQ" sind sicher zu lesen. Für den ersten und letzten Buchstaben kommen vielleicht "E" oder "B" in Frage. Tatsächlich liefert "BJQB" das sinnvolle Klartextwort "HELP". Damit wäre in der ersten Zeile der bisherige Klartext

GENL PEMBERTON YOU CAN EXPECT __ HELP FROM THIS ____.

Das letzte Wort der Zeile, scheinbar "JJOA", liefert mit dem zugehörigen Schlüssel "RBLU" jedoch "SIDG", was kein sinnvolles Wort ergibt. Zu dem bisherigen Klartext würde aber "SIDE" passen und der zugehörige Geheimtext wäre "JJOY". Da das "Y" an allen anderen Stellen aber völlig verschieden geschrieben wird, könnte an dieser Stelle auch ein Verschlüsselungsfehler unterlaufen sein. Jedenfalls ergibt sich für die erste Zeile der wahrscheinliche Klartext

Genl. Pemberton, you can expect no help from this side

Die nächsten drei Wörter "TK FHR TPZWK" lassen sich mit "FFMANCHEST" dagegen ziemlich mühelos zu "OF THE RIVER" entschlüsseln, was den bisherigen Klartext sinnvoll fortsetzt. Offensichtlich wurde die Nachricht in eine Flasche gesteckt und sollte in den Fluß geworfen werden, in der Hoffnung, sie würde auf der anderen Seite von jemandem gefunden, der ihren Inhalt an die Südstaatenarmee weiterleitet.

Ähnlich mühevoll kann man trotz einiger Verschlüsselungsfehler und schwer lesbarer Buchstaben den vollständigen Klartext rekonstruieren:

Genl. Pemberton, you can expect no help from this side
of the river. Let Genl. Johnston know, if possible when
you can attack the same point of the enemy's line.
Inform me also and I will endeavour to make a diversion.
I have sent you some caps. I subjoin despatch from
Gen. Johnston


Autor: Udo Hebisch
Datum: 24.02.2017