Freimaurer-Chiffren



Von den Freimaurern wurden zum Zweck der Geheimhaltung interner Dokumente spezielle Symbolalphabete benutzt, mit denen die Buchstaben der Klartexte durch eine einfache Substitution verschlüsselt wurden. Die jeweils verwendeten Alphabete wurden alle durch eine Grundkonstruktion erzeugt, die in dem von einem unbekannten Autor (er benutzt im Vorwort zur Unterzeichnung das Kryptogramm ";+1Δ+O") verfaßten Buch Die Kunst, geheime Schriften zu entziffern, Joachims Literarisches Magazin, Leipzig 1808, auf Seite 129 beschrieben wird. Die im Text genannten Begriffe "Amamische Schrift", "Baubalten", "Decona" lassen sich allerdings im Internet nicht verifizieren.

Die Konstruktion ist wie folgt zu verstehen. Durch zwei senkrechte und zwei waagerechte Parallelen werden neun Felder abgeteilt. Diese neun Felder werden dreimal nebeneinander kopiert (in der Abbildung rechts ist nur eine Kopie dargestellt, in der Abbildung unten aber alle drei in "Explosionsdarstellung"), so daß 27 Felder entstehen, in welche maximal 27 Buchstaben eingetragen werden können. Sind weniger als 27 Buchstaben vorhanden, bleiben die letzten Felder der dritten Kopie leer. Die 9 Felder der ersten Kopie denkt man sich jeweils mit einem Punkt belegt, die 9 Felder der zweiten Kopie mit zwei, die 9 Felder der letzten Kopie mit drei Punkten. Dies ist in der Abbildung angedeutet, allerdings sind die drei Kopien aufeinander gelegt worden, so daß man eigentlich immer drei Punkte sieht. Weil hier nur 25 Buchstaben verteilt werden sollen, bleiben die letzten beiden Felder der dritten Kopie leer, dort stehen daher maximal zwei Punkte. (In der "Explosionsdarstellung" unten ist die Anzahl der Punkte je Feld immer um 1 reduziert!)

Nun werden die Buchstaben verteilt, wie in den nächsten vier Zeilen beschrieben wird. Das "a" kommt in das erste Feld (links oben) der ersten Kopie und wird daher durch das Symbol dieses Feldes (also seinen "Rahmen") mit einem Punkt im Innern ersetzt. Das "b" kommt entsprechend in das erste Feld der zweiten Kopie und wird durch das Symbol dieses Feldes mit zwei Punkten ersetzt. Das "c" wird durch dasselbe Symbol mit drei Punkten ersetzt.

Das "d" kommt nun in das zweite Feld der ersten Kopie, das "e" in das zweite Feld der zweiten Kopie usw. So werden die Buchstaben bis zum neunten Buchstaben "i" nacheinander in die neun Felder der ersten Zeilen aller drei Kopien verteilt. Das "j" wird in diesem Beispiel ausgelassen, man schreibt dafür im Geheimtext dann einfach das Symbol für das "i". Auf diese Weise enthält das Alphabet nur 25 Buchstaben, wie oben schon angemerkt wurde. Mit dem "k" beginnt nun das Füllen der zweiten Zeilen. Diese sind bis zum "s" ebenfalls gefüllt und die restlichen 7 Buchstaben füllen die ersten Felder der dritten Zeilen. Man beachte am Ende die kleine Unregelmäßigkeit beim "y" und "z". Eigentlich hätte das "y" in das mittlere Feld der dritten Zeile der dritten Kopie gehört und das "z" dann in das dritte Feld der dritten Zeile in der ersten Kopie. Es hätten also bei Einhaltung der bisherigen Systematik zwei andere Symbole zugeordnet werden müssen.

Jeder Buchstabe erhält nun als Symbol den "Rahmen" des Feldes und darin die Punkte, die der Kopie des Grundmusters entsprechen. Auf diese Weise entsteht die in der Abbildung angegebene Zuordnung für die Verschlüsselung mit der Freimaurer-Chiffre.


Zur Vereinfachung für die Praxis hat man später die Anzahl der Punkte jeweils um 1 reduziert und gelangte so zu der ersten Standardzuordnung der Buchstaben zu den neueren Symbolen, die im folgenden Bild noch einmal gemeinsam mit der Grundkonstruktion angegeben ist. Diese Version der Freimaurer-Chiffre wird auch als Pfadfinder-Geheimschrift bezeichnet und hat einen hohen Bekanntheitsgrad. Ganz allgemein waren Versionen dieser Chiffre sehr beliebt, um Botschaften auf Postkarten gegenüber unbefugten Lesern zu verschlüsseln. Es existieren daher noch zahlreiche Postkarten aus den Jahren zwischen 1900 und 1920 mit derartigen Kryptogrammen, aber nicht nur mit Freimaurer-Chiffren. Diese wird auch mit ganz anderen Namen belegt, etwa Rosenkreuzer-, Tic-Tac-Toe-, Napoleon-Chiffre oder Dada Urka. Unter diesem letzten Namen hat sie die Zeichentrickfigur Donald Duck von Walt Disney in einer 1986 erschienenen Geschichte wieder populär gemacht, diesmal unter Kindern, die natürlich mittlerweile auch erwachsen sind.

In der folgenden Übersicht sind weitere verbreitete Versionen angegeben, die durch verschiedene Einträge der Buchstaben in die 27 Felder entstehen. Teilweise werden die Symbole in der Praxis auch in der ursprünglichen Dreipunkt-Notation geschrieben.

1. Historische Version, Dreipunkt-Schreibweise, "J" fehlt
2. Terzi-Alphabet, Dreipunkt-Schreibweise, "J", "K", "W", "X", "Y" fehlen
3. Dada Urka
4. Noachitische Schrift, "J", "U", "W", "X", "Y" fehlen
5. Alt-französische Version, "J", "K", "V", "W" fehlen
6. Triviale Version, auch in Dreipunkt-Schreibweise gebräuchlich

Während des englischen Bürgerkrieges wurde auch die folgende triviale Version ohne die Buchstaben "J" und "U" benutzt.


Um die vollen Möglichkeiten der Substitution bei der Freimaurer-Chiffre auszunutzen, sollte man als Schlüssel daher unbedingt eine zufällige Verteilung der Klartextbuchstaben auf die Symbole verwenden (vgl. auch das Ende dieser Seite). Die Sicherheit bleibt aber wie bei allen einfachen Substitutionen sehr gering, speziell bei längeren Texten.

Weitere Versionen der Freimaurer-Chiffre entstehen durch folgende Konstruktion, die im nächsten Bild veranschaulicht wird. Anstelle der 9 Felder der dritten Kopie werden 8 Felder von zwei Kopien eines X-förmigen Kreuzes benutzt. Hiervon werden die ersten vier Felder ohne Punkt, die zweiten vier mit einem Punkt notiert. Diesen insgesamt 26 Feldern können jetzt genau die 26 Buchstaben des normalen lateinischen Alphabetes zugeordnet werden. Im folgenden Bild ist dies für die triviale Zuordnung durch die natürliche Reihenfolge der Buchstaben geschehen. Darunter sind dann andere gebräuchliche Zuordnungen angegeben.

1. Triviale Version
2. Wechsel-Version
3. Britische Version
4. USA-Version
5. Variante der USA-Version
6. Französische Version, "J", "K", "V", "W" fehlen
7. Mason-Chiffre, das Wort "MASON" (engl. "(Frei-)Maurer") wird zuerst verteilt, dann die restlichen Buchstaben


Es gibt auch Versionen, die lediglich vier Symbole aus der dritten Kopie durch die vier Symbole aus dem X-Schema ohne Punkt ersetzen. Bei der kontinentalen Variante fehlt das "W".

Bei der britischen Variante werden dagegen alle Buchstaben verschlüsselt.


Die folgende Kopie zeigt, daß R. Lawrence in London bereits 1657 die Idee hatte, jede beliebige Zuordnung von Buchstaben zu den Freimaurersymbolen als Schlüssel zu benutzen.


Autor: Udo Hebisch
Datum: 08.05.2017