Verschlüsselung nach dem Kamasutram



Im Vatsyayana Kamasutra von Mallanga Vatsyayana (zwischen 200 und 300 n. Chr.), dem berühmten indischen Lehrbuch für glückliche zwischenmenschliche Beziehungen, wurde für die Frau die Beherrschung einer Reihe von 64 Fertigkeiten empfohlen. Unter anderem werden dort[1] unter dem Stichwort die verschiedenen Arten verabredeter Sprache Verschlüsselungstechniken für die Korrespondenz mit geheimen Liebespartnern genannt.

"Die verschiedenen Arten verabredeter Sprachen": was zwar aus richtigen Worten besteht, aber infolge einer (bestimmten) Reihenfolge der Buchstaben keinen deutlichen Sinn gibt, das heißt eine verabredete Sprache und dient bei geheimen Beratungen. Ihre zahlreichen Arten sind von früheren Meistern behandelt worden, z.B.: "Die (Geheimsprache) des Kautilya besteht in (der Vertauschung der Konsonanten von) d-ks (mit denen von k-th); die 'schwer zu verstehende' nennt man es, wenn die langen und kurzen Vokale sowie die Nasale und Sibillanten vertauscht werden; man spricht von 'der des Muladeva', wenn a und k, kh und g, gh und (?), ebenso c und t, t und p, y und (?) verwechselt werden, der Rest aber bestehen bleibt; die schwer zu lesende 'Geheimschrift' ist es, wenn dabei Planeten (9), Augen (2) und Götter (8) sind, die Namen des Sechsmündigen (1), Meere (4), Heilige (7), Feuer (3), Glieder (6), tuka und Hörner (?) sind." So sind auch noch andere Arten zu beachten."

Die Buchstaben des benutzten Alphabetes werden also zu Paaren zusammengefaßt und bei der Verfassung des Geheimtextes entsprechend dieser Paarbildung gegeneinander ausgetauscht. Konkret werden zwar einige Paarungen genannt, aber es ist wohl auch erlaubt, diese jeweils frei zu wählen. Auf diese Weise wird also immer eine spezielle, durch einzelne Vertauschungen festgelegte Permutation des Alphabetes gewählt. Damit handelt es sich um eine spezielle Substitutionsmethode, die aber nicht so eingeschränkt ist, wie die Atbash oder die umgekehrte Caesar-Verschlüsselung. Es stehen nämlich mehr Schlüssel zur Verfügung. Sie ist aber ebenfalls involutorisch, d. h. ihre nochmalige Anwendung auf den Geheimtext liefert wieder den Klartext.

Die Sicherheit ist natürlich wie bei allen monoalphabetischen Substitutionen nicht sehr groß.


Beispiel

Zunächst wählt man einen Schlüssel, indem man beispielsweise jedem Buchstaben aus der ersten Hälfte des Alphabetes genau einen Buchstaben aus der zweiten Hälfte zuordnet, so daß die Permutation festgelegt ist:

ABCDE FGHIJK LM
SX UTZYW VRQP ON

Verschlüsselungstabelle für das Kamasutram-Verfahren

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[1] Richard, Schmidt (Übers.), Das Kamasutram des Vatsyayana, Berlin, 1922, S. 52 - 53.

Autor: Udo Hebisch
Datum: 16.04.2010