Künstliche Alphabete und Sprachen


Die älteste bekannte künstliche Sprache mit eigenen Schriftzeichen (Bild rechts) erfand wohl Hildegard von Bingen (1098 - 17.9.1179) (linkes Bild, in dem sie ihr Wissen durch göttliche Inspiration erhält) in ihrer Schrift Lingua ignota per simplicem hominem Hildegardem prolata ("Unbekannte Schrift"). Darin hat sie in einer Art Wörterbuch 1011 Wörter (meistens Substantive oder Adjektive) dieser Sprache, die teils Lateinisch, teils Deutsch klingen, zusammengestellt. Diese wurden dann in lateinische Texte eingestreut. Der einzige bekannte längere Text in dieser Sprache ist der folgende, in dem die Worte der lingua ignota fett hervorgehoben sind:

"O orzchis Ecclesia, armis divinis praecincta, et hyacinto ornata, tu es caldemia stigmatum loifolum et urbs scienciarum. O, o tu es etiam crizanta in alto sono, et es chorzta gemma."

Nur zu dem Wort "loifol" kennt man hierbei die Bedeutung, nämlich "Volk".

Die gesamte Liste enthält neben vielen anderen beispielsweise (mit den vermuteten Deutungen):
Aigonz: Gott
Aieganz: Engel
Diueliz: Teufel
Inimois: Mensch
Jur: Mann
Vanix: Frau
Peueritz: Vater
Maiz: Mutter
Limzkil: Kind

Hildegard nahm hiermit das Prinzip der späteren Nomenklatoren vorweg. Das sind Verzeichnisse für Verschlüsselungen von ganzen Wörtern durch kürzere Symbolketten.




Der englische Jurist und Lordkanzler Thomas Morus (7.2.1478 - 6.7.1535) erfand 1516 in seinem Roman De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia ("Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia") für die Bewohner der Insel Utopia eine eigene Sprache und eigene Schriftzeichen. Auf Seite 13 seines Romans gab er die Zuordnung der Zeichen zu den (bei Morus) 22 lateinischen Buchstaben an und einen mit diesen Zeichen geschriebenen "Vierzeiler in der Sprache der Einheimischen".












Der Text (in lateinischen Buchstaben) lautete also

Utopos ha Boccas peula chama polta chamaan.
Bargol he maglomi baccan forma gymnosophaon.
Agrama gymnosophon labarem bacha bodamilomin.
Uoluala barchin heman la lauoluola dramme pagloni.

Eine Übersetzung ins Lateinische hiervon liefert Morus unmittelbar darauf:

Utopus me dux ex non insula fecit insulam.
Una ego terrarum omnium abses philosophia.
Civitatem philosophicam expressi mortalibus.
Libenter impartio mea, non gravatim accipio meliora.

Einige der von Thomas Morus erfundenen Symbole tauchten später in anderen künstlichen Alphabeten wieder auf, zum Beispiel bei der Freimaurer-Chiffre.


Autor: Udo Hebisch
Datum: 13.03.2017