Kryptographie bei Edgar Allan Poe



Der bekannte amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809 - 1849) hat sich mehrfach mit kryptologischen und kryptoanalytischen Methoden beschäftigt. Als er 1839-40 in Philadelphia für den Alexander's Weekly Messenger schrieb, forderte er im Dezember 1839 die Leser mit der Behauptung heraus, er könne jede monoalphabetische Substitution entschlüsseln:

"It would be by no means a labor lost to show how great a degree of rigid method enters into enigma-guessing. This may sound oddly; but it is not more strange than the well know fact that rules really exist, by means of which it is easy to decipher any species of hieroglyphical writing -- that is to say writing where, in place of alphabetical letters, any kind of marks are made use of at random. For example, in place of A put % or any other arbitrary character --in place of B, a *, etc., etc. Let an entire alphabet be made in this manner, and then let this alphabet be used in any piece of writing. This writing can be read by means of a proper method. Let this be put to the test. Let any one address us a letter in this way, and we pledge ourselves to read it forthwith-- however unusual or arbitrary may be the characters employed." [1]

Da er die Methode der Häufigkeitsanalyse kannte (aber zunächst nicht verriet), gelang es ihm nach eigenen Angaben, ca. hundert eingesandte Kryptogramme zu entschlüsseln. Einer seiner Bewunderer ernannte ihn daraufhin zum "profundesten und geschicktesten Kryptographen aller Zeiten".


Beispielsweise antwortete Poe in der Ausgabe des Messenger vom 4. März 1840 dem Leser T. S. aus Bouquet, New York, nur:

Your cypher is thus read:

TO CELIA.

When day declines, and sable night
Shall veil this hemisphere from sight,
I would, with no dull cares oppressed,
Spend each dark hour in quiet rest.
A rake and fool may drink and rove--
Night is the time which they improve
With such to walk I will refuse;
You are the company I choose.

Er hatte also sofort den Klartext ermittelt: Ein Gedicht, das seinerseits ein kleines Stück Steganographie darstellt. Die hierin versteckt gestellte Frage beantworteten dann (wohl unbeabsichtigt) Simon & Garfunkel 1970 in ihrem Song "Cecilia".

Natürlich bereitete es Poe auch keine Probleme, das folgende Kryptogramm zu entschlüsseln, das er am 8. April 1840 im Messenger zusammen mit der Lösung abdruckte:

2.9.14.7.8.1.13.20.15.14 2 18.15.15 13 5. 3 15.
21. 14.20 25. 1.16 189.12 1st 1840. 6.18. 15.13.
25 15 21. 18.6.18 25.14.4. 8 5 14. 18.25

Ersetzt man zunächst alle vom Setzer recht willkürlich eingestreuten Punkte durch Leerzeichen, so ergibt sich das "bereinigte" Kryptogramm

2 9 14 7 8 1 13 20 15 14 2 18 15 15 13 5 3 15
21 14 20 25 1 16 189 12 1st 1840 6 18 15 13
25 15 21 18 6 18 25 14 4 8 5 14 18 25

Offensichtlich steht in der zweiten Zeile ein Datum "1st 1840" und die Zahl 189 fällt etwas aus dem Rahmen der restlichen Zahlen. Nimmt man hierbei an, daß der Setzer aus Versehen einen Zwischenraum zwischen 18 und 9 vergessen hat, dann stehen außer beim Datum nur Zahlen zwischen 1 und 25. Es könnte sich daher um eine einfache Numerierung der Buchstaben handeln. Entweder man versucht es gleich mit der einfachen dezimalen Codierung des lateinischen Alphabetes, oder man versucht das Datum korrekt zu vervollständigen. Das Erscheinungsdatum des Kryptogramms legt es nahe, daß es an Poe am 1. April 1840 abgeschickt wurde. Dann stünde die Folge der Zahlen "1 16 18 9 12" für das Wort "APRIL", was ebenfalls zu der einfachen dezimalen Codierung der Buchstaben führt. Poe jedenfalls dürfte sich sehr gefreut haben, daß es ihm der Leser derartig leicht gemacht hat. Der Klartext lautet dann:

"Binghamton, Broome county, April 1st 1840, from your frynd Henry"

Ein weiteres Kryptogramm mitsamt seiner Lösung, die Poe am 15. Januar 1840 abdrucken ließ, findet man hier.


In seinem Artikel What Poe Knew About Cryptography (PMLA 58, No. 3 (1943), 754-779) hat W. K. Wimsatt Hinweise auf insgesamt 36 Kryptogramme in Alexander's weekly messenger gefunden. Poe druckte 9 Kryptogramme mitsamt ihren Lösungen ab[2], gab zusätzlich die (teilweisen) Lösungen von 15 an[3], und behauptete, daß er 3 weitere gelöst habe. Bei 6 eingesandten Kryptogrammen stellte er fest, daß es sich um keine einfachen Substitutionen oder keine sinnvollen Klartexte handeln könne. Für ein weiteres Kryptogramm gab er sogar Argumente dafür an, daß hierbei die Regeln nicht eingehalten worden sein konnten[4].

Dieses Kryptogramm hatte G. W. Kulp aus Lewiston, Mifflin County, Pennsylvania 1840 an Poe geschickt und es wurde erst 1975 durch Brian J. Winkel gelöst. Hierüber berichtete erstmals Martin Gardner im Scientific American vom August 1977. Nähere Einzelheiten zu seiner Lösung findet man bei Friedrich Bauer, Entzifferte Geheimnisse, S. 316/317 und S. 336-339.

"Ge Jeasgdxv,
Zij gl mw, laam, xzy zmlwhfzek
ejlvdxw kwke tx Ibr atgh Ibmx aanu
bai Vsmukkss pwn vlwk agh gnumk
wdlnzweg jnbxvv oaeg enwb zwmgy
mo mlw wnbx mw al pnfdcfpkh wzkex
hssf xkiyahul. Mk num yexdm wbxy
sbc hv wyx Phwkgnamcuk?"

Wie sich später herausstellte, hat der Setzer etliche Druckfehler beigesteuert, z. B. "q" als "g" gelesen und einen Buchstaben fortgelassen. Den zugehörigen Klartext findet man hier.

Weiterhin löste Poe das folgende Kryptogramm, abgedruckt am 22. April 1840 in Alexander's weekly messenger[5], bei der manche Geheimtextbuchstaben sogar für verschiedene Klartextbuchstaben stehen, was natürlich ebenfalls bei einer korrekten Verschlüsselung nicht vorkommen darf. Wer direkt die Lösung ansehen möchte, findet sie hier.

C'WW WPB VKI WPYKIY UN BI VKONJ
C'WW NZV BI VU VKI XIEB DZCNJ
PFL WPJI BI YVPEV
IPNK AUWWB YKPWW EINIOXI MB YVCFL
IPNK UCNI ZFVU MB AIIV CWW GECFL
PFL MPJI CV YMPEV.

Poe gelang es sogar, eine polyalphabetische Substitution zu lösen, bei der nicht weniger als 7 verschiedene Alphabete benutzt wurden[6]. Da hierzu kein Geheimtext abgedruckt wurde, vermutet man, daß es sich nicht um eine Vigenère-Verschlüsselung handelte, sondern für jede Zeile des Klartextes ein anderes Geheimtextalphabet zur Anwendung kam. Da es sich allerdings um die ersten Zeilen des 1825 erschienenen Gedichtes The Siege of Belgrade von Alaric Alexander Watts handelt, das Poe wohl kannte, dürfte ihm die Identifikation des Klartextes anhand der gleichen Anfangsbuchstaben der Wörter in jeder Zeile nicht schwergefallen sein. Diese Eigentümlichkeit bleibt natürlich im Geheimtext erhalten. (Benutzt man etwa für jede Zeile eine andere geeignete Caesar-Verschiebung, so kann man erreichen, daß sogar jedes Wort mit demselben Buchstaben beginnt.)

An Austrian army, awfully arrayed,
Boldly, by battery, besieged Belgrade;
Cossak commanders cannonading come,
Dealing destruction's desolation doom.
Every endeavor engineers essay,
For fame, for fortune, fighting furious fray;
Generals 'gainst generals grapple gracious God![8]


Im Jahr 1841 erschien dann der Artikel A Few Words on Secret Writing[9] von Poe in Graham's Magazine. Darin veröffentlichte er auch zwei Kryptogramme, die er von einem Mr. W. B. Tyler zugeschickt bekommen hatte. Man vermutet heute, daß dies nur ein Pseudonym von Poe selbst war. Diese beiden Kryptogramme wurden erst sehr viel später gelöst, das erste von Terence Whalen im Jahr 1992[10], das zweite von Gil Broza im Jahr 2000.[11]


Im Jahr 1843 schrieb Poe schließlich seine berühmte Kurzgeschichte Der Goldkäfer[12], in der er die Methode der Häufigkeitsanalyse exemplarisch erläuterte. Diese Erzählung gilt als eines der besten literarischen Stücke zum Thema Kryptographie.


[1] http://www.eapoe.org/works/misc/awm39c01.htm
[2] http://www.eapoe.org/works/misc/awm40c02.htm
[3] http://www.eapoe.org/works/misc/awm40c03.htm
[4] http://www.eapoe.org/works/misc/awm40c13.htm
[5] http://www.eapoe.org/works/misc/awm40c08.htm
[6] http://www.eapoe.org/works/misc/awm40c07.htm
[7] Clarence S. Brigham, Edgar Allan Poes's contributions to Alexander's weekly messenger, American Antiquarian Society, 1943.
[8] http://www.theotherpages.org/poems/watts02.html#1
[9] http://www.eapoe.org/works/essays/fwsw0741.htm
http://www.eapoe.org/works/essays/gm41sw01.htm
http://www.eapoe.org/works/essays/gm41sw02.htm
http://www.eapoe.org/works/essays/gm41sw03.htm
[10] http://www.bokler.com/eapoe.html
[11] http://www.bokler.com/eapoe_challengesolution.html
[12] http://www.haus-freiheit.de/Poekrimi/goldkaefer.pdf


Autor: Udo Hebisch
Datum: 28.04.2011