Kryptographische Postkarte mit Notenzeichen


Die folgende Postkarte enthält ein Kryptogramm, das aus Notenzeichen besteht. Die Entschlüsselung erfolgt weiter unten.



Hält man die Bildseite der Karte mit dem lateinischen Text "Lützelhöhe b/. Frankenberg" nach oben, so beginnt die oberste Zeile des Geheimtextes mit einem hochgestellten Punkt, gefolgt von einem X. Derselbe hochgestellte Punkt findet sich dann zwei Zeilen darunter wieder am Anfang dieser Zeile. Wenn es sich um die übliche Kennzeichnung des Satzendes handelt, muß man folglich die Karte auf den Kopf stellen, um die übliche Schreibrichtung von links nach rechts zu erhalten. Der Punkt würde dann tatsächlich das Satzende markieren. Damit hat man dann auch die korrekte Orientierung der Geheimtextzeichen für die Vorder- und Rückseite. So sind die beiden Seiten der Karte hier abgebildet.

An mehreren Stellen, insbersondere an Zeilenumbrüchen und an Satzenden ist eine senkrechte geschlängelte Linie zu erkennen. Dies könnte daher die Markierung von Wortzwischenräumen bedeuten. Bei der nun folgenden Transkription der Zeichen in lateinische Buchstaben, die in willkürlicher Reihenfolge den Zeichen zugeordnet werden, werden diese Wörter der Reihe nach einzeln betrachtet, um Auffälligkeiten festzuhalten.

Die Transkription der Rückseite lautet:

1. XXX ABC

2. XXXXXXXXXXXX DCEFGBFDHICJ
Das 7. Zeichen (F) hat im Unterschied zu dem ähnlichen 4. Zeichen eine angedeutete Verbindung zum 8. Zeichen (D). Es könnte sich also um eine Ligatur aus zwei verschiedenen Buchstaben handeln. Eine derartige Ligatur könnte sich auch am Ende des ersten Wortes (Nr. 16) in der siebten Zeile und des vorletzten Wortes (Nr. 21) in der achten Zeile befinden.

3. XXXXX KELHC
Das 3. Zeichen (L) enthält ein Doppelapostroph, ähnlich wie die Umlaute "Ä", "Ö" und "Ü". Es könnte sich also um einen dieser drei Umlaute handeln. Diese Vermutung wird dadurch gestützt, daß dasselbe Zeichen auch mehrfach ohne dieses Doppelapostroph auftritt, z. B. als erster Buchstabe im nächsten Wort und als zweiter Buchstabe im zweibuchstabigen ersten Wort (Nr. 18) der vorletzten Zeile, was ja einen Vokal zwingend erfordert.

4. XXX MJA
Die beiden Buchstaben "M" und "A" bilden als "AM" genau das 18. Wort!

5. XXXXX NLHHC
Der doppelte senkrechte Strich kann zwei (gleiche) Buchstaben (H) bedeuten, wie hier angenommen, er könnte aber auch einen einzelnen neuen Buchstaben darstellen.

6. XXXXXX HCJACI

7. XXX ABE
Der Zeilenumburch dient hier eventuell als Wortende. Siehe dazu auch das nächste Wort.

8. XXX OPX.
Der letzte Buchstabe (X) scheint nicht aus einem Notenzeichen zu bestehen. Er könnte also auch der Klartextbuchstabe "X" sein, also eventuell der letzte Buchstabe eines Namens sein, oder den Namen des Absenders darstellen. Hierfür spricht auch, daß dasselbe dreibuchstabige Wort auf der Bildseite der Karte am Satzende auftaucht.



9. XXXX HPKC

10. XXXXXX OCBJCJ

11. XXXXXX TCHICJ

12. XXXX APJN

13. XXX ?LE
Das erste Symbol könnte durchgestrichen sein. Es könnte sich aber auch um ein dreibuchstabiges Wort mit einem Umlaut in der Mitte sein, wie "Bär" oder "für".

14. XXXXX ACBJC
Der vierte Buchstabe (J) ist hier mit einem senkrechten Strich (H) hinterlegt, was eine besondere Bedeutung haben könnte, z. B. ein neuer Buchstabe.

15. XXXXXX NREICJ

16. XXXXXXXXXXX DSPPCJAGBFD
Hier könnten die letzten beiden Buchstaben eine Ligatur darstellen.

17. XXXXX NRJHI

18. XX AM
Genau einer von beiden Buchstaben muß ein Vokal sein.

19. XX CH
Genau einer von beiden Buchstaben muß ein Vokal sein.

20. XXXXX. GCHCJ.



21. XXX BFD
Hier könnten die letzten beiden Buchstaben eine Ligatur darstellen.

22. XXX TBJ
Der Zeilenumburch dient hier eventuell als Wortende.

23. XXXXXX RCEPAC

24. XXX TCB

25. XXXXX. GPMJC.


Die drei Sätze des transkribierten Kryptogramms sind damit:

ABC DCEFGBFDHICJ KELHC MJA NLHHC HCJACI ABE OPX.
HPKC OCBJCJ TCHICJ APJN YLE ACBJC NREICJ DSPPCJAGBFD NRJHI AM CH GHCJ.
BFD TBJ RCEPAC TCB GPMJC.


Eine Häufigkeitsanalyse ergibt, daß "C" und "J" in dieser Reihenfolge die mit Abstand häufigsten Buchstaben sind. Man wird daher "C" zu "E" und "J" zu "N" entschlüsseln. Dies wird dadurch unterstützt, daß "EN" dann insgesamt siebenmal vorkommt, fünfmal sogar an einem Wortende.

Da das erste Wort "ABC" mit einem "E" endet und das "B" im Geheimtext neunmal vorkommt, davon dreimal als "CB", wird man "ABC" versuchsweise zu "DIE" entschlüsseln. Hierfür spricht auch, daß das 14. Wort "ACBJC" dann "DEINE" lautet.

Das vierte Wort "MJA", also "_ND", kann dann nur "UND" heißen, also ist "M" zu "U" zu entschlüsseln. Dies paßt zum 18. Wort "AM", also "DU". Das siebte Wort "ABE" heißt dann wohl "DIR", also steht "E" für "R". Dann bleibt für das 19. Wort "CH" nur noch "ES", also "H" für "S". Die drei Wörter 18 bis 20 am Satzende, also "AM CH GCHCJ.", lauten "DU ES _ESEN." Daher ist "G" zu "L" zu entschlüsseln. Das sechste Wort "HCJACI", also "SENDE_", zeigt, daß "I" für "T" steht.

Für das letzte Wort "GPMJC", also "L_UNE", bleibt nur "LAUNE", daher steht "P" für ein "A". Sieht man das "X" am Ende des ersten Satzes als diesen Buchstaben an, so lautet (vermutlich der Name des Absenders) "OPX" im Klartext "MAX", also steht "O" für "M". Dies paßt zur Entschlüsselung des zehnten Wortes "OCBJCJ" als "MEINEN".

Der Anfang des zweiten Satzes "HPRC OCBJCJ TCHICJ APJN..." lautet bisher "SA_E MEINEN _ESTEN DAN_", also wohl "SAGE MEINEN BESTEN DANK", mit "R" für "G", "T" für "B" und "N" für "K".

Nun kann man die noch fehlenden Buchstaben mühelos ergänzen. Der vollständige Klartext der Kartenrückseite lautet (einschließlich kleinerer Rechtschreib- bzw. Verschlüsselungsfehler):

Die herzlichsten Grüse und Küsse sendet Dir Max.
Sage meinen besten Dank für Deine Karten hoffendlich kanst Du es lesen.
Ich bin gerade bei Laune.

Bei "Grüse" scheint es sich um einen Rechtschreibfehler zu handeln, denn dieser wiederholt sich auf der folgenden Bildseite und bei "Küsse" ist die Verdopplung des "S" korrekt erfolgt. Beim "D" in "hoffendlich" kann auch ein Verschlüsselungsfehler vorliegen, denn das Symbol für das "T" entsteht aus dem Symbol für das "D", indem diesem ein "Dach" aufgesetzt wird. Beide Fehler wiederholen sich allerdings auf der Bildseite im Wort "HEISGELIEBDER" und in den Worten "GEGRÜST" und "BISD". Beim "N" in "kannst" wurde wahrscheinlich nur die Verdopplung vergessen, ebenso wahrscheinlich ein Punkt hinter "Karten". In der Mitte der Karte beim "F" von "für" befand sich wohl ein versehentlicher Tintenklecks, dessen feine Spritzer noch zu sehen sind und der offensichtlich durch Radieren der Karte entfernt wurde. Daher ist die Tinte für das "F" etwas verlaufen.

Auf der Bildseite wurde dann weiterer Text eingefügt:

Grus an Karl und Else.
Heisgeliebder Engel sei nochmals gegrüst und geküsst von Deinem Max.
Wie bisd du denn am Sonn-tag nachhaus gekommen?

Für das "V" in "von" und das "W" am Anfang des letzten Satzes wurde jeweils ein neues Zeichen benutzt, das im Text bisher noch nicht vorkam. Erwähnenswert ist auch der Überstreichungsstrich beim "N" in "Sonntag" und beim "M" in "gekommen", eine Markierung, die lange Zeit in der Schreibschrift benutzt wurde, um eine Verdopplung des überstrichenen Buchstabens anzuzeigen. Beim "DENN" wurde diese Abkürzung aber nicht benutzt.


Die Karte wurde am 30. Mai 1906 von Frankenberg/Sachsen an Fräulein Lina Hauswald in Kötzschenbroda, Fürstenhain geschickt. Die Lützelhöhe ist auch heute noch ein Hotel mit Gaststätte.
Autor: Udo Hebisch
Datum: 22.02.2017