Beispiel für das Selbstschlüssel-Verfahren nach Vigenère



In seinem 1586 veröffentlichten Buch Traicté des Chiffres gibt Blaise de Vigenère auf Seite f46r die folgende Verschlüsselungstabelle für Alphabete mit 20 Buchstaben an. Hier werden für jeweils zwei Buchstaben des Schlüsselwortalphabetes dieselben Geheimtextalphabete benutzt. Bei der Verschlüsselung werden dann die jeweils übereinander stehenden Buchstaben miteinander vertauscht. Ist beispielsweise "a" der Buchstabe des Klartextes und "L" der Buchstabe des Schlüsselwortes, so wird nach dem Alphabet verschlüsselt, das in den Zeilen I und L dieser Tabelle steht. Dort wird aber das "a" mit dem "s" vertauscht. Also ergibt sich der Geheimtextbuchstabe "s".

A abcde fghil
B mnopq rstvx
C abcde fghil
D x mnopq rstv
E abcde fghil
F vx mnopq rst
G abcde fghil
H tvx mnopq rs
I abcde fghil
L stvx mnopq r
M abcde fghil
N rstvx mnopq
O abcde fghil
P q rstvx mnop
Q abcde fghil
R pq rstvx mno
S abcde fghil
T opq rstvx mn
V abcde fghil
X nopq rstvx m

Mit Hilfe dieser Tabelle verschlüsselt Vigenère nun den Klartext

Au nom de l'eternel soit mon commencement

auf verschiedene Weisen. Zunächst benutzt er den Schlüssel "Le jour obscur" ("Der dunkle Tag") und erhält erst einmal den Geheimtext

safhlsuxsircforcbndalcplecsgptgqii

Nun setzt er aber noch Blender ("nulles") ein, zuerst am Anfang des Geheimtextes vier bedeutungslose Buchstaben, hier speziell drgq, und dann (abwechselnd) in willkürlichen Abständen die Buchstaben y und z. Dies muß dem Empfänger natürlich ebenso wie das Schlüsselwort und die Verschlüsselungstabelle bekannt sein. Damit erhält Vigenère den folgenden endgültigen Geheimtext:

drgqsayfhlzsuyxsircforzcbndyalczplecsgptgqiiy

Anschließend benutzt er den Schlüssel "La nuit claire" ("Die helle Nacht") und erhält diesmal als vorläufigen Geheimtext

sigberprqbtgfqqfgmiecfrlearausbmbb

Jetzt wählt er als die vier ersten Blender die Sequenz fsbm und gelangt wiederum durch willkürliches Einstreuen von y und z zu dem endgültigen Geheimtext

fsbmsiygbezrpyrqbtgfqqzfgmiyecfzreearausbmbb

Bei der dritten Verschlüsselung benutzt er erstmals das von ihm erfundene Selbstschlüssel-Verfahren. Hierbei wählt er als Schlüssel einen einzelnen Buchstaben, konkret "D". Dieser wird dann durch den Klartext selbst verlängert zum eigentlichen Schlüssel

DAUNOMDELETERNEL...

Nun ergibt sich der Geheimtext zu

xiahguptmlshixt...

Bei der Entschlüsselung benutzt man zunächst den Schlüsselbuchstaben "D", um aus dem "x" ein "a" zu entschlüsseln. Diesen nächsten Schlüsselbuchstaben "A" benutzt man nun, um den zweiten Klartextbuchstaben (und gleichzeitig dritten Schlüsselbuchstaben) "u" zu entschlüsseln. So kann man fortfahren, bis der ganze Klartext vorliegt.

Abschließend beschreibt Vigenère noch eine Variante des Selbstschlüsselverfahrens, bei dem der anfangs gewählte Schlüsselbuchstabe nicht durch den Klartext, sondern durch den Geheimtext verlängert wird. Nachdem er aus "D" und "a" das "x" des Geheimtextes erhalten hat, benutzt er also den Schlüsselbuchstaben "X", um aus dem "u" des Klartextes ein "h" zu verschlüsseln. So fortfahrend gelangt er zu dem Geheimtext

xheecoumxgnabqo


Autor: Udo Hebisch
Datum: 05.04.2011