Perspectiva Literaria

(Einleitung I)

Johannes Lencker


Einleitung II
Einleitung III

Eine Kurtze anzeygung
in diese Perspectiuam/ an
den guthertzigen Leser.

WIewol die edle Perspectiua dermassen ein
hohe/ schöne/ subtile (yedoch weytleufftige) Kunst ist/ wie dann
das den Phisicis unnd Naturkundigern/ deßgleychen des Ge=
stirns erfarnen/ wol bekant ist/ welche sich derselben (auch bis zu
den hymlischen Cörpern) zugebrauchen wissen/ So will ich doch
freundtlicher lieber Leser/ in diesem meynen kleinen Wercklein/
durch yetztgemelts wörtlein Perspectiua/ nur allein verstanden und gemeynet ha=
ben ein Kunst/ die da leret durch gewiese Regeln und weis/ ein yedes ding dermas=
sen auff ein ebnen Plan oder Flächen zureyssen und fürzubilden das es unserm
gesicht nicht anders/ auch weder mer noch mynder erscheint und gesehen wirdt als
stünd es also Corperlich in solcher höhe und ferne der distanz/ mit Leng/ Dicke/
und Brayten seiner Proporcionirten grösse/ gegenwertig vorhanden.

DU wölst aber günstiger lieber Leser mit nichten gedencken oder vermai=
nen/ das diese Kunst so mangelhafftig oder dürftig sey/ das man etwas
der ding/ so man in die Perspectiuam zubringen begert/ zuvor von Holz/ Metal/
oder anderm/ Cörperlich haben müsse/ wie dann wol bey etlichen (von wegen der
Natürlichen vergleychung mit dem Cörperlichen) leychtlich der wohn erwachssen
möchte/ Dann das wer wenig achtens werdt/ und nicht mer als ein Contrafactur
zuhalten. Sondern/ alle und ein yedes ding erwechst und wirdt aufgezogen aus
einem flachen Plano oder Geometria/ welche sich mit eines yeden Corporis (das
man machen will) dicke und brayte Perpendiculariter aller ding vergleycht. Als
zum exempel: Wann ich ein Kugel machen will/ so ist der gröste Circkel derselben
Perpendiculariter ihr grundt oder Geometria ungeachtet ob wol die Kugel nur mit
einem Pünctlein auff derselben ihrer Geometria oder grundt auffstehet. Und wann
ich ein Cubum daraus schneide/ und stell ihn gerecht auff die scherpff/ so berhüren
gleich wol noch vier spitzen desselben (so ubereckstehn) disen Circkelris/ unnd wirdt
aber der grundt oder Geometria dieses Cubi ablang vierecket. Stell ich ihn aber
gerad auff ein spitz/ so wirdt der grundt oder Geometria desselben umb 2/33. im
Circkel kleyner/ und sechsecket. Stell ich ihn aber auff eine seiner flech so wirdt
der grundt desselben umb 2/11. (alles Mechanice) kleyner/ unnd gerecht vierecket.
Item wann ich ein Kegel machen will/ ich stell den gleych gerad auff den spitz
oder boden/ so muß doch der grundt dazu/ gantz gleych und einer grössen seyn.

UNd also will ich auch das wörtlein Geometria/ für eines yeden dings
grundt/ welchen es (wanns Cörporlich wer) von oben herab Perpendi=
culariter bedecken würde/ es sey gleych oben/ unten/ oder mitten am braytesten/
gemeynet und verstanden haben/ yedoch aber mag aus einer yeden solchen Geome=
tria sehr vil und mancherley ding/ dem ersten ganz ungleych/ außgezogen und ge=
macht werden.