Perspectiva Literaria

(Einleitung II)

Johannes Lencker


Einleitung I
Einleitung III

UNd ob wol von Alten unnd Newen/ dieser Kunst erfarnen/ vil Bücher
und schrifften an tag gegeben worden/ so seyen doch dieselbigen mererteyls
so mühselig und weytleufftig/ das es den anfahenden Schülern (an statt der schö=
nen Liebligkeyt/ so in berürter Kunst steckt/ von wegen der vil oberflüssigen vergeb=
nen Linien und Puncten/ die beyde in der lehr unnd dem gebrauch einfallen) ver=
drus und unlust bringet (wie ich dann dessen eygene erfarung hab) ja auch etwann
manchem die Kunst gar davon erleydet wirdt.

ALs ich aber dieser schönen Perspectiua (aus sonderm grossen lust dazu getri=
ben) eine zeytlang mit fleys etwas obgelegen/ hab ich aus verleyhung
Göttlicher gnaden so ein behenden leychten (yedoch recht und gewiesen weg vor=
theyl und Compendium) darinnen gefunden und erfaren/ das alle und ein yedes
ding/ aus rechtbereyter seiner eygnen Geometria/ auch one fernern gebrauch des
Circkels/ in die Perspectif gebracht werden mag. Also das alle vergebne Linien/
Riß und Puncten/ vermitten bleyben unnd erspart werden mögen unnd garkein
andere Linien noch Punct gesetz noch gezogen werden darff/ dann allein die jhe=
nigen/ so den fürgegebnen Cörpern anhengig/ unnd zu ihrer formirung von nöten
sindt/ Dergleychen ich bißhero (one rhum zumelden) in keines andern dieser kunst
beschreybung/ so viel mir zu handen kommen/ gefunden hab.

AUff das ich aber dieser lobreychen Kunst anfahenden/ mit meinem
geringen fleys/ dienen und nutz sein möchte /so hab ich dessen hiermit diesen
wenig stücklein ein Prob und Muster dargeben wöllen. Und ersichtlich für mich ge=
nommen alle Buchstaben des gantzen Alphabets/ der alten Römischen und Anti=
quitetischen schrifften/ und damit angezeygt/ wie dieselbigen mit einer zugelegten
dicken/ als ob die von Holtz oder Metal also geschnitten weren/ auff mancherley
art der stellung/ als Ligend/ Stehend/ Lehnend/ auch Fürwertz/ Seytling/ Uber=
eck/ oder wie mans erdencken kann/ und haben will/ auff ein ebne flechen Perspecti=
ualiter gerissen werden können/ und solches aus dieser ursach/ dieweyl ja die Buch=
staben die rechte Elementa und erste anfenger sindt/ dadurch ferner alle gute Künst
gelernt werden müssen.

DAmit du aber freundtlicher lieber Leser sehen magst/ das durch solchen
meinen kurtzen und leychten weg (wie oben gemelt) nit allein Buchsta=
ben/ sondern auch solche schwere/ krumme/ unnd verworne ding/ sie seyen Ver=
ruckt/ Verlehndt/ Gelegt/ Durchsichtig oder gantz/ wie die zuerdencken sindt/ inn
die Perspectif gebracht werden mögen/ So hab ich noch ferner etliche dergleichen
setzame Cörper mit anhengen wöllen/ welche sonsten durch die bißhero gemeyne
Praxin außzurichten bey etlichen (auch derselben Kunst verstendigen) gar nahende
für unmüglich gehalten sein wöllen wie dann solches den verstendigen dieser kunst
aus volgenden exempeln/ unnd sonderlich an dem Schnecken und gewundenenem
lehnenden Krantz/ etlicher massen erscheinen wirdt.